Warum Soziale Kybernetik? (V.2)

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Zum Entwurf einer Disziplin der Zukunft

Anstelle einer Vorbemerkung möchte ich mit einigen Feststellungen beginnen, die es erleichtern, meine Auffassung von Sozialer Kybernetik als Wissenschaft ein- und abzugrenzen. Damit sollen mögliche Missverständnisse verhindert werden.
Ad negativum ist zu bemerken, dass sich Soziale Kybernetik nicht als eine Technologie versteht - anders als viele Versuche, eine „kybernetische Soziologie“ zu positionieren, die darunter überwiegend Instrumente der Zielgruppenmanipulation verstehen. Auch strebt Soziale Kybernetik keine methodisch begründete Schaffung des „gültigen“ oder „objektiven“ Wissens über eine „real existierende“ Gesellschaft an. Vielmehr versteht sich Soziale Kybernetik als reine Aufklärungswissenschaft, die realisierbare (ein Kybernetiker würde sagen „viable“) Modelle der Vergesellschaftung auf der Grundlage von Selbstorganisation, Autonomie und Kommunikation anstrebt.

Soziale Kybernetik erforscht und begründet vor allem jene gesellschaftlichen Entwürfe, die autonome Orientierung auf der Basis individueller Wirklichkeitskonstruktion ermöglichen könnten. Dies kann nur in einem potenzialorientierten kommunikativen Konsens gewährleistet sein.

Mit dem Ansatz einer interdisziplinären Meta- bzw. Aufklärungswissenschaft grenzt sich Soziale Kybernetik gegenüber jener verfahrensgestützter Wissenschaften ab, die Erkenntnis als Technologie verstehen. Sie begründen kommunikatives Handeln, das Regeln, Verfahren oder Begriffe voraussetzt, womit Geltungen geschaffen und aufwändig aufrechterhalten werden. Aufgrund der Absprachen weniger Eingeweihter (sog. Experten) untereinander, die Wirklichkeit zweckbetont präparieren, schreiben sie ihr Objektivität vor. Aber auch im Gegensatz zu vielen anderen Ansätzen, systemzentrierte Gesellschaftslehre zu etablieren (z.B. die von Luhmann), vertritt Soziale Kybernetik eine subjekt- und daher orientierungszentrierte und nicht system- und geltungszentrierte Betrachtung von Gelellschaft. Sie geht davon aus, dass ausschliesslich autonome Orientierung jede sinnvolle Erkenntnis legitimiert bzw. dass orientierungsentfremdete Erkenntnis weder konsequent möglich noch – als humane Erkenntnis – sinvoll ist.

Eine nicht-technologische Wissenschaft

In Bezug auf Vergesellschaftung werden „empirische Verfahren“ (wie bspw. statistische Erhebungen) i.d.R. als Instrument der zweckbasierten Handhabung von objektivierten Subjektkonstanten (Zielgruppen, Medien oder einzelne Individuen) genutzt. Neben der zweifelhaften „Objektivierbarkeit“ der Subjektkonstanten (die ihre „Realität“ ausmachen soll) ersheint der Objektivitätsanspruch der Erhebungen auch überzeugten Empirikern bedingt glaubwürdig. Bezogen auf Gesellschaftsforschung, findet dies z.B. im Geltungsbereich gängiger Managementtheorien oder im wirtschaftlichen Kontext der institutionellen Kommunikatinspraxis (Unternehmenskommunikation, PR, Werbung) Anwendung. Empirie wird dort schliesslich damit begründet, dass lediglich Fachwissenschaftler, die Verfahren –Manipulationsregeln aufgrund der konsensfähigen Beobacherabsprachen – beherrschen, die sie Methoden nennen, sowie Werkzeuge oder Infrastrukturen besitzen (Labors, Hierarchien, Aufmerksamkeit), „objektive“ Erhebungen gewährleisten können. Damit wird bestenfalls Geltungswissen gesichert, aber keine orientierungsrelevanten Erkenntniswerte.

In mittlerweile zahlreichen Untersuchungen zur kybernetischen Epistemologie ist indessen einleuchtend begründet, warum eine evidenzbasierte „Interface-Wahrheit“ mehr Bedingungen produziert als sie Aufklärung stiftet. Als postulierte Grundlage der analytischen Wissenschaften, die Evidenzwirklichkeit nach dem Interfaceprinzip zerteilen (um diese als intersubjektive Geltungswirklichkeit wieder aufwändig – u.a. mithilfe von Mathematik – zurecht zu konstruieren), vermag sie in einer komplexen Welt bestenfalls als systemisch gestützte Technologie der extensiven Wirklichkeitsstabilisierung, aber zunehmend weniger als Erkenntnis- oder Orientierungsgrundlage gelten. Das Objektheit-Prinzip, wenn es in den Grenzen wahrnehmbarer Interface-Extremen postuliert wird, wird zu einem Geltungssystem, das trotz der relativen Stabilität anthropogener (menschlicher) Lebenswelt, eine radikale Abkoppelung von jener Erkenntnisse erfährt, die mit der wesentlich nicht-trivialen Welt der ontischen Determinanten (der Welt als Ganzen) korellieren. Trotzdem bleiben wir als Menschen – trotz der Abschottung durch weitgehend hermetische Wirklichkeitskonstruktion – vor allem dank eigener ontosomatischen (biologischen) Beschaffenheit in stetiger Verbindung.

Es bleibt weitgehend ambivalent, ob die menschliche Lebenswelt eine tendeziell unabhängige – und dacher technologische – Wirklichkeitskonstruktion oder den Einklang mit der „Welt als Ganzen“ (auf der Grundlage ihrer Potenzialität) anstreben soll. Aus diesem Grund verbleibt die Offenheit gegenüber der Erkenntnis der Nichttrivialität existenziell begründet. In beiden Fällen bleiben wir bei der Wirklichkeitskonstruktion. Nur können wir zwischen konsequenter Ignoranz gegenüber dem Nichttrivialen (mit der zunehmenden Radikalität systemisch-konstruktiver Trivialisierung des Handelns) und dem Versuch wählen, die Konstruktion aufgrund der Erkenntnisoffenheit in unsere Wirklichkeit (mit allen ihren Chancen und Gefahren) hineinfließen zu lassen. Der letztere Weg – der Weg der Orientierung oder der sog. synthetischen Erkenntnis – würde unsere Subjektivität von Verstümmelung durch Orientierungsverlust emanzipieren. Möglicherweise wäre unsere Lebenswelt nicht länger der Zwangswirklichkeit der Geltungssysteme mit ihren aufwändig konstruierten Feindschaften (ob gegenüber Urgewalten oder in Form von Konkurrenzverkörperung) ausgeliefert. Eine Vergesellschaftung ohne machtbasierte Geltungssysteme müsste ausserdem nicht zwingend in subjektfeindlicher Systememergenz ausarten.

Der wesentliche Punkt der angedeuteten Ambivalenz (zwischen Erkenntnis, die aus individueller Orientierung schöpft und die Nicht-triviale Welt offen lässt, und einer Erkenntnistechnologie, die mittels Geltungen hermetische Wirklichkeit produziert) ist der Stellenwert des Individuums, das folgendes Vergesellschaftungs-Dilemma offenbart: Reicht die Orientierungspotenzialität (die Erkenntniskraft des sich orientiernenden Subjekts), der sich nur insofern vergesellschaftlichen lässt, als dieses seine Orientierungspotenzialität schützt, um zu bestehen, oder sollte sich das Individuum in einem geltungszentrierten Vergesellschaftungssystem auflösen und als Person (Antiebsdonor) die nachhaltige Geltungsemergenz sichern? Beide Modelle erscheinen viabel, aber schwer verifizierbar und haben deshalb den Status eines Entwurfs. Die Menschheit soll sich bald für eins entscheiden.

Ich neige dazu, auf dem zweiten Wege der Vergesellschaftung gegenüber der ontosomatischen Entropie zu bestehen, weil ich mir mittlerweile sicher bin, dass jene Nichttrivialität uns sowohl von außen als auch von innen unaufhaltbar zerstören wird, wenn ihre Legitimität weiterhin unter dem Vorwand des naiv-realistischen Objektivismus und der methodologischen Trivialitätszwang ignoriert wird. Diese scheinen ihre Funktion als Erkenntnis- und Kommunikationskrücken erfüllt zu haben. Aus meiner Sicht, sollten wir es weitgehend vermeiden, eine naiv-triviale Wirklichkeit missverständlich „Realität“ zu nennen, die nach wie vor eine auf der Grundlage gewaltsam geschützter Geltungen, die Objektivität, Zeit, Kausalität und Analysierbarkeit suggeriert. Möglicherweise hält uns eben diese „Realität“ (die sklavisch gerne als hart und ungerecht gilt) uns von der potenziell nachhaltigeren und tendenziell eher lebenswerteren Welt dramatisch fern.

Der verkannte Orientierungsantrieb

Kybernetische Erkenntnistheorie geht davon aus, dass eine Erkenntnis überhaupt nur individuell sein kann, lediglich dann ist sie orientierungsrelevant. Denn eine kommunizierte Erkenntnis ist zwingend verfahrensbasiert, sofern sie eine Absprache nach bestimmten Regeln voraussetzt. Eine Verständigung unter Erkennenden kommt ohne Verfahren, die Regeln voraussetzen, nicht zustande. Tatsächlich werden die Regeln von Sprache mit ihrer tradierten grammatisch-semantischen Struktur, von Abspracheregeln ggf. von früheren Absprachen determiniert, sonst ist keine konsistente Verständigung möglich. Ausserdem dient eine gemeinsame (also koordinierte, verständigungsintensive und somit soziale) Erkenntnis nur kurzfristigen Zielen. Für die gemeinsame Herstellung von Gegenständen mag eine solche Erkenntnis von Vorteil sein. Für gemeinsames Abwehr gegen vermeintliche Feinde (sei es Naturgewalt oder andere Menschen) ist sie unabdingbar. Aber was hat eine solche Erkenntnis, die erst hoch selektiv zweckrelevante Zusammenhänge kommuniziert, die kurzfristig für eine gegenseitige Handlungskoordination relevant erscheinen, mit Orientierung?

Seit jeher bemühen sich Individuen um Orientierung in einer Welt, die sich auch jenseits ihres Universums (ihrer Dorfgemeindschaft, ihres Standes, ihres Stammes, Landes, Volkes oder ihres Planeten usw.) befindet. Weniger im Auftrag ihrer Herrscher (und daher frei von institutioneller Bindung irgendeiner Interessensgemeindschaft) und viel mehr aus eigenem Antieb suchten konsequente Denker nach einer individuellen Wahrheit. Ab und zu wurden Ergebnisse ihrer Suche auch für Machstrukturen (Könige, Staaten, Unternehmer oder schliesslich für Geltungs- und Konsenssysteme) interessant. Dieses Interesse äußerte sich in Kreditierung durch Würdigung, Berechtigung, Aufmerksamkeit oder Finanzierung. Auch Orientierungswerte wurden für die generalistisch geprägten Kulturen zunehmend konsensrelevant (Glaubenssysteme, Staatsphilosophien et al.). So wurden Technologien – diese konsensfähige Produkte direkter oder indirekter Auftragsarbeiten – als Orientierungsnebenprodukte verwertet und a posteriori als eigentliche Erkenntnisswerte gepriesen. Das individuelle Orientierungswissen blieb weitgehend marginalisiert, auch selten weiter vererbt und wenn überhaupt – aufgrund sprachlicher Dominanz und gesellschaftlicher Ignoranz – nur an Familienmitglieder oder die besten Schüler. So wurden etwa orientierungsangetriebene Universaldenker zu Schmieden positivistischer Geltungssysteme: der Mystiker Paracelsus - zum Erfinder von Schulmedizin, Universaldenker Leonardo da Vinci zum Künstler und Metaphysiker Descartes zum Gründervater rationalistischer Wissenschaft und Erkenntnistheoretiker von Foerster zum Wegbereiter von Robotik und Künslicher Intelligenz.

Damit Methoden, Systeme oder Geltungen (samt Begriffe, Formeln und Gleichungen) – all diese inspirative Nebenprodukte individueller Orientierung – von nicht-trivialer Individualität befreit – als pure Dienstleistungen in Auftrag gegeben werden könnten, wurden von einflussreichen Interessensgemeindschaften empirische Wissenschaften begründet und erfolgreich als Forschungs- und Bildungseinrichtungen institutionalisiert. Heute arbeiten Hunderte von Wissenschaftsverwaltern in geordeten Teams mit ihren nominalen Bildungshintergründen (trivialisiert, quantifiziert, standartisiert, sertifiziert und orientierungsentfremdet) als Verfahrensklemptner und Handwerker der systemischen Erkenntnis, Ingeneure der Trivialisierung und Meister der Wirklichkeitskonstruktion an planbaren Aufrragsproblemen. Sie richten, pflegen und erweitern eine virtuelle Lebenswelt namens Wirklichkeit, indem oft sie enormen Energieaufwand ihre Objekt- und Subjektkonstanz sichern. Im aktuellen Überlebensmodus erscheint diese Stretegie existenziell, weils sie das menschliche Überleben kurz- bis mittelfristig erfolgsversprechend gewährleistet. Aber sie hat nichts mit jener Erkenntnis zu tun, die Orientierungswert haben könnte.

Nicht das zweckmässige Handeln, sondern das jedem bewussten Leben innewohnendes Orientierungstrieb begründet Erkenntnis und legitimiert Wissenschaft. Auch vermag seine Beachtung, den Menschen mit der Natur, die Gestes- mit Naturwissenschaften zugunsten einer wahrhaftig interdisziplinäre Forschung versöhnen. Der Orientierungstrieb emanzipiert sich tendenziell nachdem existenzielle Bedürfnisse weitgehend befriedigt – oder in einzelnen Fällen wenn die weniger lebensnotwendigen von ihnen zeitweise ignoriert – werden.

Infolge eines Misverständnisses, das auf der Intention des Gehirns basiert, ökonomisch zu operieren (weil seine „rechnerischen“ Kapazitäten und seine Energie begrenzt sind) verwechselt man Orientierungsfähigkeit mit Klarheit. Statt konsequent und autonom in jeder neuen Situation nach neuen Wegen zu suchen, bemühen sich Menschen um kurzfristige Trivialisierungen, die sie gemeinsam meistern können. Die Welt ist nie klar, aber sie wird klar gemacht, indem man sich abspricht, dass sie klar sein soll und diese Absprache durch gemeinsames Handeln verwirklicht. Und eben weil die Welt nicht-trivial ist, lässt sie es zu.

Statt laufend nach neuen Wegen zu suchen, konstruieren man kurzfristige Stabilitäten, um sie dann, sobald sie zerfallen, mittels einer enorrmen Anstrengung wieder aufzubauen, was bis jetzt – meistens mit riesigen Opfern und laufender Verstümmelung individueller Orientierungsintegrität – halbwegs gelungen ist. Die Verkörperung der Orientierungsfähigkeit (evolutionell verdankt der Gehirn seine Entstehung dem ontogenetischen Orientierungstrieb) wird zugunsten der Verwirklichung von Trivialität aufgegeben. Man entdeckt gemeinsames Handeln und verwirklicht Stabilitäten, indem man sie herstellt: Behausungen, Werkzeuge, Waffen. Dafür werden absprachengestützte (medialisierte) Geltungen zu Phänomenen erklärt, die sich auch noch wunderbarerweise nach Bestandteilen zerlegen lassen, was analytische Wissenschaft begründet. Auf diesem Weg wird konsequenterweise alles Nichttriviale (Probleme, die kurzfristig nicht lösbar erscheinen) – als Quelle der Störung – überwiegend gewaltsam abgewehrt. Ob richtig oder nicht, hat die Menschheit diesen Weg gewählt. In Anfängen der Geschichte war dieser Weg möglicherweise legitim, aber ist er es immer noch?

Als Ergebnis diesen Wegs haben wir mittlerweile eine Weltordnung, die globalen Konsens auf der Grundlage gemeinsamer Geltungswirklichkeit und der entsprechend geltungsbasierten Trivialisierungstechnologie anstrebt, aber ein misverständnisbasiertes Verwirklichungsmodus verfolgt, das auf der Grundlage einer einstig und nur bedingt erfolgreichen Überlebensstrategie entstanden ist. Es ist naheliegend, warum ein Verfahren, das lange Zeit ein erfolgreicher Überlebenskonzept darstellte, so selten in Frage gestellt wird. Aber ausgerechnet jetzt, wenn zum ersten mal evident wird, dass seine destruktiven „Nebenwirkung“ die Toleranzgrenze übersteigen, beansprucht er die absolute Geltung. Die nachhaltigste Nebenwirkung lässt sich mit dem Sammelbegrif „Entmenschlichung“ eingrenzen. Die individuelle Orientierungslosigkeit artet infolge systemimmanenten Potenzialverachtung in der subjektfeindlichen Systememergenz aus.

Die subjektfeindliche Emergenz resultiert in der analytischen Zugangsweise zur Gesellschaft und ist z.B. matematisch-statistisch gestützt. Das bestehende Konsens gründet auf der Annahme, dass orientierungsfreie Erkenntnis „objektiv“ sein soll, weil sie ihrem Wesen nach individuum- und sinnentfremdet sei. Sie ist aber gleichermassen sinnentfremdet, weil ihre einzige Legitimität in dem – wie jeder Virus und jede Störung – simplen, aber universellen Mechanismus steckt.

Subjektfeindliche Emergenz: Die Geltungssysteme

Die Gehirne arbeiten im Leerlauf, weil individuelle Orientierungsdynamik in gesellschaftlichen Systemen gehemmt wird. Statt sich autonom, tätig und weitgehend unreflektiert in der Welt zu orientieren (autonomes Orientierungshandeln), zerstreut sich mentale Energie, die von dem Körperlichen infolge gewaltsamer Willensakte entfremdet wird. Die somit „freigesetzte“ infosomatische Energie (die körperliche und die mentale entzweit) wird über die verzwickten Leistungsmechanismen von Orientierungssystemen aufgefangen, die ihre eigene Integrität sebstätig aus diesen Energien speisen.

Problematisch ist, dass Orientierungsysteme auch Geltungsysteme sind, deren Dynamik subjektinvariant, also weitgehend subjektunabhängig ist. Die Geltungssysteme entfalten sich nicht zwingend im Sinne der menschlichen Subjekte. Die Emergenz – jene Kräftekonsolidierung, die zur höheren Systemstabilität führt, das jeweilige System autonom und ihre Donoren nachhaltig abhängig macht – der Geltungssysteme erfolgt in der Regel nicht zugunsten ihrer menschlichen Energiequellen (was zur subjektfeindlichen Systememergenz führt).

Für Ihre Leistung bekommen die menschlichen Subjekte eine Art Orientierungsersatz und eine relativ stabile Lewenswelt, in der sie ihre eigene körperliche Integrität aufrecherhalten können. Je mehr sich Geltungssysteme konsolidieren, desto mehr wird ihr Energiezufuhr optimeirt. Lohnt sich das Opfer, sofern der Mensch eine Alternative hätte? Anscheinend ja (weil man keine Alternativen jemals erlebt haben glaubt), aber im Grunde nicht, denn Orientierungsersatz gibt keine Orientierung, höchstens in künstlichen Geltungssystemen. Und wenn Geltungssysteme zerfallen (weil sie in Ihrer parasitären Beschaffenheit nur funktionieren konnen, solange Energiezufuhr gesichert ist), lässt sich ursprüngliche Orientierungstrieb nur schwer wieder beleben. Und dann noch eine Menge Kleinigkeiten: Das Leben als Donor kann nicht intrinsisch motiviert werden, weil Organismus entfremdet ist (quasi gelähmt wird, nachdem seine biologische Integrität zerschnitten wurde, und er zwischen ihren Fetzen lavieren muss: Körper und Geist, das Animalische und das Soziale, Liebe und Macht, das Weibliche und das Männliche, die Gewalt und die Freiheit und all diese geltungsgestützte Pseudokontroversen). Wie eine gelähmte Raupe, die als lebende Nahrungsquelle von Spinnen benutzt wird. Trotzdem trachtet der Mensch sehnsüchtig nach seiner urspünglichen Integrität, die er in Liebe, Freude oder Genuss nachjagt, aber per Definition nie wirklich erreichen kann, weil er geltungsbasierte Surrogate nachjagt, blosse Schatten seiner potenziellen Integrität, die er ahnt.

Der befreite Orientierungstrieb ist die einzige intrinsische (innere, autonome) Motivation, die der Mensch haben kann. Eine Gesellschaft, die es schafft, diesen Trieb nicht als profane Energiequelle für die subjektfeindlichen Geltungssysteme zu nutzen, indem man eigene Integrität spalten lässt (wie man Atom zu spalten glaubt), sondern zu befreien, wird ungeahnte Möglichkeiten freisetzen. Der sich autonom orientierende Mensch erlangt in einer potenzialbewussten Gesellschaft eine Chance, die Welt zu verstehen statt eine Parodie mit zu konstruieren.

Als geltungen Geltungen werden weiterhin jene Absprachen unter den konstanten Subjekten bezeichnet, die für die Koordination des kommunikativen Handelns medialisiert – d.h. für die sprachliche oder symbolische Vermittlung aufbereitet (trivialisiert) – werden. Mittels Geltungen wird kurz- bis mittelfristig stabile Gestaltung menschlicher Lebensräume gewährleistet. Erst dank Geltungen erscheint anthropogene Wirklichkeit etwa objektiv oder kausal.. Die basalen Konzepte, welche Trivialisierung zwecks Koordination des kommunikativen Handelns erst ermöglichen und deslalb als grundlegende Werte (Basisannahmen) in den meisten kommunizierbaren Geltungen implizit vorkommen, sind ontosomatische Konstanzen (z.B. Subjekt- und Objektkonstanz) und infosomatische Konstrukte (Zeit- und Objektivitäts- oder Zahlenkonstrukte). Ontosomatische Konstanten sind Vergeltlichungszuweisungen, also jene Absprachen, die nicht-trivialen, aber orientierungsrelevanten Differenzen mit einener ontologischer Bindung, wie Objekten (als nicht-autonomen Entitäten) oder Subjekten (z.B. Menschen als energetisch autonomen Bewusstseinswesen) geltungsspezifische Trivialität zuweisen. Konstanzen setzen autonome Energiequellen ontosomatischer (biologischer oder physikalischer) Natur voraus. Infosomatische Konstrukte sind ontologisch bindungslose Medialisierungen. Sie werden in Geltungssystemen erschaffen und aufrechterhalten und müssen mit ontosomatischer Energie über die Leistungssysteme „versorgt“ werden.

Das Konzept der Subjektkonstanz ist mit dem Ansatz von „sozialen Rollen“ vergleichbar. Subjektkonstanzen sind Absprachen, die Subjekten geltungsspezifische Trivialität zuweisen. Aufgrund der geltungssystemischer Zwänge verfolgen konstante Subjekte konsequente Verhaltensmodi, die vor allem Ernsthaftigkeit des Handelns voraussetzen. Subjektkonstanzen sind somit Geltungen. Als Geltungen erscheinen sie uns innerhalb der Geltungswirklichkeit objektiv, die Geltungsrelationen (die auf die Geltungen bezogene Kommunikation zwischen konstanten Subjekten) – kausal. Operationen mit Geltungen, die ihrer Aufrechterhaltung dienen, müssen kohärent, konsequent und falsifizierbar sein. Geltungen werden mittels wiederholter Handlungen in ihrer Konstanz aufrechterhalten. Um konstante Subjekte zu wiederholten Handlungen zu zwingen, unterhalten die Gesellschaften geltungsbasierte Machtsysteme.

Die Vergeltlichungs-Kumulation

Eine Lebenswirklichkeit, die sich als Geltungssystem (und somit als eine Vergesellschaftungs-Ordnung) konsolidiert, setzt Vergeltlichungsantrieb voraus. Nur schöpft jede Macht aus einem Geltungskredit, der in Verwirklichungsmedien (konsensuell stabile Objekt- und Subjektkonstanzen) in form von Wertgeltungen kumuliert wird. Das dialektische Äquillibrium der Subjekt- und Objektkonstanz, das Kumulation jeweils gewährleisten soll, wird durch Verlagerung der Geltungspotentialität (des Geltungskredits) auf die Konstanzen, z.B. in Form von Beziehungen oder Bindungen. Als Besitz, das auf einer Seite Aufrechterhaltung, Pflege und Verfolstänigung der Konstanz-Integrität und auf anderer Seite verlagerte Berechtigungen (Leben- und Produktionsmittel, Statussymbole etc.) bedeutet, fruchtet die Geltungsverlagerung in Verwirklichung von neuen Geltungskonsatnzen. Es verkommt, sobald infosomatische Antriebsfaktoren kumulationsbasierter Leistungsmodelle versagen. Ein Mass an Orientierungsautonomie (individuelle Freiheit) ist die Voraussetzung für jede intinsisch motivierte Leistungsbereitschaft, die Kumulationskonstanzen involviert.

Die zunehmend subjektfeindliche Emergenz sozialer Geltungssysteme kann längerfristig nur von infosomatischen Spannungskraft der Verkörperung leben. Das verwandelt die betroffene Vergesellschaftung (sofern der Geltungsprinzip verbleibt) von der rational-positivistischen zu einer magisch-esotherische Ordnung. Die erste involviert Kumulationskonstanzen in Form von objektivierten Geltungen in das Geltungsverlagerungsmechanismus. Die infosomatische Subjektintegrität speist – als intinsische Motivationsgrundlage – die ordnungsimmanente Leistungssysteme. Die zweite Ordung (historisch bedient sie die einfacheren Vergesellschaftungs-Modelle) instrumentalisiert den infosomatischen Verkörperungsantrieb.. Hier werden Spannungskräfte ausgebeutet, die jenseits von Subjekt- und Objektkonstanz ihre Potenzialität als intrinsischen Antrieb der Geltungssysteme „anbieten“ – unmittelbar auf der Verkörperungsebene.

Prämissen der ontosomatischen Wirklichkeit

Das Konzept der „Welt als Ganzen“ als Wirklichkeit jeder Vergesellschaftung (im Gegensatz zur „Ordnung“) billigt unserer Lebenswelt vor allem Nicht-trivialität (im Gegensatz zu der ihr „verordneten“ Kausalität, Objektivität etc.) und somit auch Potenzialität zu. Es besagt, dass individuelle Orientierung und nicht die geltungsbasierte Wissenstechnologie, eine wesentliche Sinngrundlage der menschlichen Erkenntnis ausmacht. Das Konzept der „Welt als Ganzen“ basiert somit auf Prämissen, die – wie das Gegenteil oder geltende Prämissen technologischer Wissenschaften – kaum falsifizierbar sind, aber einen Entwurf darstellen, das individuelle Orientierung in einer Wirklichkeit zulässt, welche weder kommuniziert noch verwaltet werden kann (ohne in Technologie auszuarten).

Unsere Welt, die Wirklichkeit - mit ihren scheinbar stabilen Formen und Ferflechtungen - ist wesentlich unergründlich. Trotzdem muss die “Wahrheit” dermassen schlicht sein, dass keine menschliche - weder geniale, von durchgreifender Intuition erfüllte, noch profane, vom Fleiß angetriebene, Erkenntnis, diese jemals positiv kommunizieren könnte. Weder in einem Hypertext noch in einem sonstigen “Werk” wird sie jemals formulierbar sein, denn weder Gegenständlichkeit noch Logik bzw. jene symbolische Kraft sind ihre wesentlichen Bestandteile. Beobachtbar sind lediglich (i) *Kontinuitäten*, (ii) die ihnen entsprechenden *Prinzipien* (keine objektivierbaren Entitäten, aber Momente der Ahnung, die erst und nur insofern “rational” erscheinen, als sie kommuniziert werden) und (iii) die aus ihnen wirkenden *Antriebsfaktoren*, die weder ontologisch objektiv noch analytisch begreifbar sind (wohl aber als Erklärungsmodelle funktional, weil sie in einer medialisierten Wirklichkeit keiner Explikation bedürfen.)

Im Wesentlichen entspricht der Kontinuität der Verkörperung das Prinzip der Selbstregulation und der der Werwirklichung - das Prinzip der Konstruktion.
Beide Kontinuitäten sind - in prozesuelle Kategorien gefasst - selbstreferentiell, schleifenartig und nur insofern begrifflich kommunizierbar, als sie in der Konstitution unserer Wirklichkeit stabil als zwei autonom beobachtbaren Komplexitäten fungierden (Beobachtbar heisst nicht “objektiv vorhanden”, was für die Erkenntnis determinierender Relevanz beider Kontinuitäten keine Rolle spielt.)

*v. Glasersfeld, v. Foerster, Maturana, S.J. Schmidt, Luhmann, Hejl u.a.

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